Freunde

Freunde

Cassandra war sauer. Sauer? Nein! Stinksauer!! Sie war eine kleine, gutmütige und frohgemute Hexe. Aber ihre Großmutter, die alte Hexe Birkenwasser, bestand darauf, dass Cassandra eine böse Hexe sein solle. Beim gestrigen Hexensabbat hatte sie Cassandra vor allen anderen Hexen ausgeschimpft: „Schaut sie euch an! Eine kleine Hexe, die lieber eine Fee sein möchte und gute Taten vollbringen will. Lächerlich! Noch nie gab es in unserer Familie eine solch peinliche Hexe wie dich, Cassandra. Keine einzige Bosheit hast du im vergangenen Jahr begangen. Nicht ein klitzekleines bisschen Leid geht auf dein Konto! Wie soll das bloß mit dir weitergehen?“ Das fragte sich Cassandra in den letzten Wochen auch immer wieder. Sie wusste genau, was die anderen Hexen von ihr erwarteten. Sonst dürfte sie bald keine Hexe mehr sein. Sie hatte das Dorf in der Nähe ihres kleinen Hauses in Angst und Schrecken zu versetzen. Das war es, was alle anderen auch taten. Aber irgendetwas tief in ihrem Herzen fand das ganz und gar nicht erstrebenswert. Wäre sie doch viel lieber eine gute Fee.
Sie mochte viel lieber lachende Menschen sehen, wenn sie auf ihrem Besen hoch über Tecklenburg ihre Runden drehte. Wenn es den Menschen dort gut ging, ging es ihr auch gut. Das unterschied sie von anderen Hexen. Überhaupt sah sie nicht wie eine normale Hexe aus. Aber was ist schon normal? Wie stellst du dir eine Hexe vor? Schwarz gekleidet? Mit langem Umhang, spitzer Mütze und langer Hakennase? Weit gefehlt! Die Beschreibungen von Hexen in den Büchern haben nicht viel mit der Wirklichkeit zu tun. Auch die ganzen Geschichten, in denen Hexen im Kreise um ein Feuer tanzen und irgendwelche Zaubertränke auf einem riesengroßen Kessel brauen, wurden schlichtweg erfunden. Wer braucht schon solche Mengen von Zaubertrank? Niemand. Das kommt davon, wenn Schriftsteller zu lange bei zugezogenen Vorhängen am Schreibtisch sitzen und vergessen, dass es da draußen noch eine richtige lebendige Welt gibt. Ab und zu sollten diese Stubenhocker mal wieder vor die Türe gehen und frische Luft schnappen! Denkst du das nicht auch?
Cassandra jedenfalls stand gerade vor dem Küchenfenster ihres Hauses und dachte gerade daran, wie schön es wäre, eine liebe, gute Fee zu sein. Dann könnte sie tun was ihr am meisten Spaß machte, nämlich Menschen Freude zu bereiten.
„Hör endlich auf zu grübeln! Entweder du tust, was die Hexe Birkenwasser von dir erwartet oder du entscheidest dich dagegen und stehst auch dazu. Punktum.“ Dies war die Stimme von Pankratius, ihrem treuen Begleiter. Er saß, das eine Bein lässig über das andere gelegt, auf dem Kaminsims, lächelte Cassandra mit einem breiten Grinsen an und rauchte derweil seine kleine Ahornpfeife. Pankratius war ein sprechendes Erdmännchen. Nein, das stimmt nicht ganz! Pankratius war ein vorlautes sprechendes Erdmännchen! Aber Cassandra nahm ihm seine große Klappe nicht übel. Denn meistens hatte er, mit dem was er sagte, durchaus Recht. Cassandra entschloss sich jetzt, erst einmal ihrer Lieblingsbeschäftigung nachzugehen und eine Runde auf ihrem Besen über Tecklenburg zu drehen und Gutes zu tun.
Grübeln konnte sie später noch, wenn die Sonne erst einmal untergegangen war, und das Licht von Großvater Mond sie beruhigte. Also ging sie zur Garderobe, nahm ihre Blümchenjacke und ihre Fliegerbrille vom Haken und wand sich zur Tür. „Du hast deine komische Mütze vergessen.“, rief Pankratius ihr zu. Gemeint war ihre leuchtend rote Baseballkappe, die sie einmal auf einem Feldweg gefunden hatte und die sie todchic fand. Auch wenn Pankratius meinte, dass sich dieses leuchtende Rot mit ihren kupferroten Haaren biss. Die Mütze lag noch in der hintersten Ecke der Küche. Cassandra hatte sie gestern, als sie vom Hexensabbat kam, vor lauter Wut in die Ecke geschmissen. „Danke, was würde ich nur ohne dich tun Pankratius?“ „Ich fürchte du würdest genau das gleiche tun.“, stöhnte Pankratius, lächelte sie dabei an und ergänzte: „Nun geh schon. Aber lass dich nicht erwischen!“ Das hatte sie nicht vor! Niemand aus dem Dorf bekam mit, wenn sie hier und da nachhalf, dass sich niemand wehtat. Kinder die Fahrrad fahren lernen sollten zum Beispiel.
Da hatte sie alle Hände voll zu tun! Da musste mal zur Vorsicht ein spitzer Stein weggehext oder eine Maus vor dem Fahrrad gerettet werden. Aber nie sah man Cassandra dabei. Denn man konnte nie wissen wie die Menschen auf eine kleine Hexe reagieren. Solcherlei Probleme konnte sie nicht auch noch gebrauchen. Sie öffnete die Tür.

Probleme konnte auch Inuk nicht gebrauchen! Aber er musste sich eingestehen: Er hatte eines. Er hatte sich verlaufen. Nachdem er vor zwei Jahren das kleine Abenteuer mit dem Hund der Töpferin und der Holzkugel überstanden hatte, war Inuk schon etwas mutiger geworden und ging ab und zu allein hinauf in die Menschenwelt. Als er letztes Jahr dann noch in einem fantastischen Abenteuer – mit neuen Freunden – die Träume aller Menschen im Kissenpalast rettete, war sein Selbstbewusstsein enorm gestiegen. Aber das ist eine Geschichte, die es ein anderes Mal zu erzählen gilt. Jetzt stand Inuk allein in den Wäldern von Tecklenburg und wusste nicht wohin. Dabei wollte er nur eine kleine Runde durch den Menschenwald drehen um ein wenig allein zu sein. Seine Welt, die Höhlenwelt der Kobolde, kam ihm in den letzten Wochen sehr düster und beengt vor. Je mehr er darüber nachdachte wurde ihm klar: Er fühlte sich dort unten eingesperrt.
Er mochte das Gefühl von wärmenden Sonnenstrahlen auf seiner Haut. Auch die Gänsehaut die er bekam, wenn er am frühen morgen durch die Wiesen stapfte, aus denen der kühle Morgennebel aufstieg, genoss er. Nichts davon gab es in den Höhlen seiner Heimat. Es war immer trocken, immer gleich warm und das Licht kam stets von Fackeln oder aus offenen Kaminen. Am schlimmsten war jedoch, dass es dort meist unerträglich langweilig war! Inuk war genau genommen noch ein Kind. Aber trotz seiner erst einhundertneunundvierzig Jahre durfte er jetzt schon allein hinauf in Menschenwelt. Großmutter Griselda selbst hatte den hohen Rat der Familie Biglok davon überzeugt, dass er dort oben gut zu recht kam. Es wäre auch zu albern gewesen: Ein Koboldkind, dass sich zusammen mit zwei Traumtrollen durch die halbe Menschenwelt geschlagen hatte um die Träume der Menschen zu retten, sollte nun nicht allein in einem Ort wie Tecklenburg zurechtkommen? Inuk kam prima zurecht! Nur war er heute wohl zu sehr mit träumen beschäftigt, statt seinen Weg im Auge zu behalten. Da Inuk natürlich niemandem begegnen durfte, ging er meist querfeldein durch den Wald. Er mied die Pfade und Wege der Menschen obwohl er keine Angst mehr vor ihnen hatte.
Im Gegenteil: Er hätte sich gern öfter mit ihnen unterhalten. Zum Beispiel mit der Töpferin Tecklenburgs. Die war ein Teil seines letzten Abenteuers gewesen. Aber davon wusste sie noch nichts. Was aber Inuk wusste war, dass er jetzt schleunigst herausfinden musste, wo er sich befand. Denn es wurde bald dunkel. Auf der Suche nach einem Anhaltspunkt drehte er sich im Kreise und hielt Ausschau. Tatsächlich sah er etwas. Nicht weit entfernt sah er über den Bäumen eine Rauchsäule aufsteigen. Wo Rauch ist, sind Menschen. Und wo Menschen sind, finden sich Wege an denen man sich orientieren kann, dachte er. Hurtigen Fußes machte er sich auf den Weg dorthin. Wie erwartet fand er tatsächlich ein Haus. Aber dieses Haus war viel zu klein für die Menschen, die er kannte! Tür und Fenster waren nur halb so groß wie die der anderen Menschen. Auch war das Haus krumm und schief. Es hatte den Anschein als würde es jeden Moment zusammenbrechen! Wenn Inuk den Atem anhielt, glaubte er das Holz des Hauses stöhnen zu hören.
Inuks Kinnlade klappte endgültig herunter, als er einen Reisigbesen wahrnahm, der wie von Zauberhand, allein den Weg vor dem Haus fegte. Her und hin, hin und her. Inuk wurde neugierig. Wer auch immer in diesem Haus lebte war kein normaler Mensch. Er stand nur noch wenige Meter vom Haus entfernt und der Besen nahm keinerlei Notiz von ihm. Er hätte Inuk sogar beinahe hinweggefegt wenn Inuk nicht beherzt beiseite gesprungen wäre. Unser Kobold sammelte all seinen Mut zusammen und beschloss näher an die Tür des Hauses zu gehen, um an der selbigen zu lauschen. Er war ja soooo neugierig! Aber just, als er das rohe Holz der Tür an seinem Ohr spürte, passierte etwas Unerwartetes – die Tür öffnete sich!!

„Nanu, wer bist denn du?“, rief Cassandra erstaunt. „Du musst ein Kobold sein.“ Sie schmunzelte. „Und die großen Zehen verraten mir, dass du zu den Bigloks gehörst. Wie ist dein Name?“ „Und wer bist du?“, konterte Inuk erschrocken. „Nun, gehört es neuerdings zum guten Ton eine Frage mit einer Gegenfrage zu beantworten?“, gab Cassandra fröhlich zurück. „Ich bin die Hexe Cassandra. Die gute Hexe Cassandra möchte ich hinzufügen. Ich bin gerade auf den Weg um eine Runde auf meinem Besen zu drehen. Nachdem wir das geklärt hätten, darf ich meine Frage vielleicht noch einmal wiederholen: Wie ist denn dein Name, kleiner Kobold?“ Inuk entspannte sich. Hexen und Kobolde respektierten sich im Allgemeinen. Und diese Hexe schien nett zu sein. „Mein Name ist Inuk. Inuk vom Clan der Bigloks, wie du sehr richtig geschlussfolgert hast. Ich habe mich verlaufen und suche den Weg zurück nach Hause, nach Tecklenburg.“
„Wo ist denn genau der Eingang zur Höhle deines Clans Inuk?“, fragte Cassandra, wobei sie sich im Schneidersitz vor ihm auf dem Boden niederließ.
Sie fand es höflicher, wenn man sich in gleicher Höhe in die Augen schauen konnte. „Kennst du das Haus der Töpferin? Direkt daneben ist einer der Eingänge.“, sagte Inuk. „Oh, ja! Ich kenne die Töpferin und ihre Tochter Mira. Vor nicht allzu langer Zeit habe ich noch Miras Kater Melissa gesucht. Er war verschwunden und Mira war wirklich sehr traurig. Also habe ich Melissa gesucht. In einem Dorf weit, weit entfernt habe ich Melissa dann auch gefunden. Melissa hatte dort eine neue Katzenfamilie gegründet. Ja, ja, die Liebe, da kann selbst ich als Hexe nicht viel machen.“ Eine Pause entstand. Inuk wollte gerade ansetzen zu fragen in welche Richtung er gehen müsse um nach Hause zu kommen, als Cassandra fragte: „Soll ich dich nach Hause fliegen, Inuk? Ich fliege auch ganz vorsichtig.
Ich denke, du solltest vor Einbruch der Dunkelheit Daheim sein, oder? Und selbst auf Koboldfüßen ist das zu Fuß nicht mehr zu schaffen.“ „Wenn du so freundlich wärst?“, erkundigte sich Inuk. Insgeheim fiel Inuk ein Stein vom Herzen. Er würde pünktlich daheim sein!
Inuk war zwar noch nie auf einem Besen geflogen, hatte aber auch noch nie gehört, dass ein Kobold von einem Hexenbesen gefallen war. Also konnte das so schlimm nicht sein. Der Reisigbesen schien jedes Wort verstanden zu haben. Denn nun hörte er auf zu fegen und schwebte auf Cassandra und Inuk zu, flog eine kleine Kehrtwende und kam neben den beiden zum stehen. Cassandra schwang sich auf ihn, setzte ihre Fliegerbrille auf und drehte den Schirm der roten Baseballkappe nach hinten. Mit einem Kopfnicken deutete sie Inuk an, sich hinter ihr auf den Besen zu setzen.
„Übrigens, Cassandra?“ Cassandra drehte fragend den Kopf in Inuks Richtung und sah, wie er von einem Ohr zum anderen Grinste und sagte: „Cooles Outfit für eine Hexe!“ „Oh, Danke!“ Cassandra strahlte. „Du bist der Erste der meinen Geschmack zu schätzen weiß!“ Mit diesen Worten hob der Besen vom Boden ab. Immer höher flogen sie. Wie Inuk jetzt hoch oben vom Besen aus sah, war er gar nicht so weit weg von Zuhause. Cassandras Haus stand auf einem bewaldeten Berg am Rande Tecklenburgs.
Es dauerte gar nicht lange bis er das Haus der Töpferin erkannte. Doch just in diesem Augenblick passierte etwas Unerwartetes. Neben ihnen tauchte ein weiterer Besen auf. Auf ihm saß eine ältere Hexe die, wie Inuk deutlich sehen konnte, furchtbar wütend war. „Oh, Gott, das ist meine Großmutter, die Hexe Birkenwasser!“, schrie Cassandra.
„Sie hat gedroht, mir die Hexenkräfte zu nehmen, wenn ich noch einmal gegen die Regeln der bösen Hexen verstoße!“ „Dazu gehört nicht zufällig das Mitnehmen von Kobolden, oder?“, fragte Inuk, obwohl er die Antwort bereits kannte. Dann gab es einen ohrenbetäubenden Knall und Cassandra spürte nur noch wie der Besen sich auflöste, er verschwand. Erst vorn, dann immer weiter nach hinten. Die Hexe Birkenwasser hatte ihre Drohung wahr gemacht! Keine Hexe – kein Hexenbesen! Cassandra und Inuk fielen nun immer tiefer hinab in Richtung Erde. Beide schlossen aus Angst die Augen und warteten mit fest zusammengepressten Zähnen auf den Aufprall. Inuk spürte, wie sie beinahe quer durch eine Baumkrone fielen. Die Vögel darin flatterten nun erbost in alle Richtungen. Inuk und Cassandra schrieen aus Leibeskräften. Es folgte eine zweite kleinere Baumkrone. Cassandra wartete auf den harten Aufprall, wünschte sich zumindest etwas Wiese oder Feld. Nur bitte, bitte, keine Steine oder Wasser. Sie schlugen nun tatsächlich auf. Aber das war weder Wiese noch Feld oder Stein. Und schon gar kein Wasser. Es fühlte sich gummiartig an und gab nach, als sie darauf aufschlugen. Dann wurden sie wieder etwas in die Höhe geworfen, um dann wieder, aber diesmal etwas sanfter, aufzuschlagen. Das ging so ein paar Mal hin und her. Inuk war sich sicher, dass er nun genauso grün im Gesicht war wie die Blätter, die um sie herum zu Boden glitten. Ihm war so übel!

Als Mira diesen furchtbaren Knall hörte, erschrak sie zuerst und glaubte an ein Gewitter. Dann ging ihr auf, dass es gar keine Wolken am Himmel gab, es war doch schönster Sonnenschein?! Auch wenn die Sonne gerade unterging und der Horizont sein schönstes Rot aufgelegt hatte, konnte dies kein Gewitter sein. Dann vernahm Mira Schreie! Sie kamen vom Garten hinter dem Haus. Da musste etwas passiert sein! Mira rannte so schnell, wie ihre Beine es erlaubten, um das Haus herum und kam kurz vor ihrem Trampolin, das dort im Garten stand, zum stehen. Der Anblick, der sich Mira bot, war wirklich zum piepen! Eine Person, etwa in Miras Größe, saß auf dem Trampolin. Die furchtbar bunte und geblümte Jacke hatte sie über den Kopf gezogen. Die Arme hingen wie bei einer Marionette etwas nach oben. Sie fuchtelten wild umher. Offenbar wollte sie die Jacke wieder richtig anziehen, bekam die Jacke aber nicht sofort über den Kopf.
Als es gelang den Kopf frei zu bekommen, sah Mira, dass es sich um ein Mädchen wie sie handelte.
Allerdings trug das fremde Mädchen noch eine Fliegerbrille. Tragen war aber nicht ganz richtig ausgedrückt, denn das Eine Glas hing über der Nase, das Andere über dem Mund. Mira kicherte leise und bemerkte nun, dass noch jemand anders auf dem Trampolin saß. Eine kleine Gestalt, die eine rote Baseballkappe vor dem Gesicht trug. Mira fielen sofort die großen Zehen an den unbeschuhten Füßen auf. Diese kleine Person fluchte wild in einer Sprache, die Mira nicht verstand. Nun, Inuk musste seinem Ärger gerade mit ein paar deftigen Koboldschimpfwörtern Luft verschaffen. Aus Gründen des guten Umgangs Miteinander bleiben diese hier aber besser unübersetzt. „Wer seid denn ihr?“ Mira konnte nicht mehr schweigen, dies alles war so überraschend, sie brauchte eine Erklärung. Cassandra fand nun auch ihre Sprache wieder.
Sie fand, dass es keinen Sinn machte eine Lügengeschichte zu erfinden. Mira hatte schließlich Augen im Kopf. Also stellte Cassandra sich und Inuk vor, erzählte was ihnen gerade widerfahren war und bat um Entschuldigung – um gleich darauf in Tränen auszubrechen.
Sie war keine Hexe mehr! Nie wieder würde sie anderen Menschen helfen können! Und ohne Besen kam sie nicht einmal mehr nach Hause. Inuk und Mira trösteten sie nach Kräften. Da es jetzt immer kühler und dunkler wurde, führte Mira ihre beiden Gäste auf den Boden über der Werkstatt ihrer Mutter. Dort konnten sie in Ruhe beratschlagen was nun zu tun sein. Mira holte noch ein paar Decken, damit sie es gemütlicher hatten. „Was soll ich jetzt bloß tun? Ich werde nie wieder Gutes tun können!“, schluchzte Cassandra. „Das stimmt nicht!“, erwiderte Mira überzeugt. „Man muss keine Hexe sein um Gutes tun zu können, nicht war Inuk?“ Inuk, der sonst liebend gern widersprach, war hier absolut einer Meinung mit Mira: „Stimmt, ich habe zum Beispiel mal Miras Holzkugel aus dem Gebüsch geholt und sie wieder so platziert, dass Mira und ihre Mama sie finden konnten.“ Er zwinkerte. Mira kam aus dem Staunen nicht mehr heraus: „Ach, du warst das?“ „Ja, stets zu diensten Gnädigste.“
Alle drei mussten nun Lachen, den Inuk verbeugte sich merkwürdig steif als er dies sagte. Dabei berührte seine Nase einen seiner großen Zehen.
Mira merkte jetzt überdeutlich wie Müde sie war. Sie musste gähnen, und wie sie gähnen musste! „Ich schlage vor, Du Inuk, gehst nach Hause. Ist ja gleich nebenan, wenn ich euch richtig verstanden habe. Warte aber bis Mama das Licht im Haus gelöscht hat. Und du Cassandra bleibst einfach hier und schläfst bis morgen früh. Dann sieht die Welt schon ganz anders aus.
Dann bringen Inuk und ich dich Heim und zeigen dir, wie man auch ohne Hexenkräfte Gutes tut.“ Cassandra war zwar immer noch todtraurig über das was geschehen war, aber immerhin hatte sie wohl eine echte Freundin gefunden. Mira schien wirklich sehr nett zu sein! Auch stellte sie zu keiner Zeit in Frage, dass Cassandra eine Hexe gewesen war. Ein bemerkenswertes Mädchen. Als Mira sich anschickte, die Holzleiter herunter zu steigen, flüsterte Cassandra noch hinterher: „Du, Mira?“ „Ja, liebe Cassandra?“ „Sind wir jetzt Freunde?“ Mira freute sich und lächelte: „Ja, wir drei sind jetzt Freunde!“ „Genau!“, schloss Inuk und legte Cassandra beruhigend eine Hand auf die Schulter: „Drei Freunde!“

Und diese drei Freunde würden noch viele Abenteuer zu bestehen haben…

© Peter Druffel 2007

CODE IS POETRY!