Engelbert

Engelbert und die drei Knirpse

„Haben Euer Gnaden noch einen Wunsch?“ Der alte Kastellan stand mitten im Rittersaal und wartete auf eine Reaktion seines Herrn. Der aber stand mit dem Rücken zu ihm und schaute gedankenverloren durch eines der Fenster hinaus auf die Felder und den Fluss zu Füßen der Burg. Die Wupper glitzerte in der rötlichen Abendsonne während die Bauern die Felder verließen und singend nach Hause gingen. Der alte Kastellan räusperte sich: „Ähhm, Euer Gnaden? Stimmt etwas nicht? Soll ich den Medikus rufen lassen?“ Endlich bemerkte Engelbert den alten Kastellan: „Nein, nein, verzeiht mir, es geht mir gut. Ihr dürft Euch entfernen.“ „Wie Ihr wünscht.“, näselte der alte Kastellan und ging fort. Er war wirklich schon sehr, sehr alt. Sein Rücken war krumm und sein rechtes Bein zog er seit dem vierten Kreuzzug stets nach. So dauerte es eine Weile bis er den Rittersaal durchquert und die Wendeltreppe hinab zur Burgküche erreicht hatte.
„Endlich allein!“, dachte Engelbert als die schwere Eichentür in ihr Schloss viel. Er war unzufrieden. Nichts schien mehr Spaß zu machen. Selbst die Jagd war langweilig geworden. Ebenso Turniere zu Pferd oder der Kampf Mann gegen Mann mit dem Schwert. Auch den Hofnarren hatte er schon vor Wochen aus der Grafschaft jagen lassen. Ihm war nach einem neuen Abenteuer. Schließlich war er, Graf Engelbert von Berg, ein Ritter und kein Stubenhocker! Sein Amt als Erzbischof von Köln brachte ihm auch nur Pflichten jedoch keinerlei Kurzweil. Es musste sich etwas ändern! Er fühlte sich eingesperrt, als lägen Säcke voller Sand auf seiner Brust. Engelbert beschloss die Burg zu verlassen. Er würde ein paar Tage allein durch das Land reiten. Vielleicht würde ihm dann ein Abenteuer begegnen. Während er sich diese Idee noch in seiner Fantasie zurechtlegte, ging er stolzen Schrittes hinab in den Burghof. Am liebsten wäre er gerannt, aber als Ritter, Graf und Bischof erwartete die Welt von ihm, dass er erhobenen Hauptes durch sein Leben schritt – nicht rann.
Aber jemand Anderes rannte nur zu gern: Peter, der Knappe des Grafen kam auf ihn zu gelaufen, als er Engelbert erblickte. Peter war bisweilen etwas, nein, er war sehr tollpatschig. Für sein Alter war er recht groß und erschreckend mager. Dazu feuerrote Haare, die sein sommersprossiges Gesicht umrahmten. Während er auf Graf Engelbert zulief, überlegte er fieberhaft was los sei.
Um diese Uhrzeit war der Graf noch nie im Burghof gewesen! Sein Kopf war so mit dieser einen Frage beschäftigt, dass er darüber seine Beine vergaß und prompt stolperte und der Länge nach hinschlug. Und Peter wäre nicht Peter gewesen, wenn er dabei nicht mindestens im Schlamm gelandet wäre. Heute war es sogar der Pferdemist, der seinem Gesicht eine neue Farbe gab. Mit einem lauten „Platsch“ landete er darin. Engelbert mochte seinen Knappen. Er war ehrlich, fleißig, guten Gemüts und der Einzige der ihn noch zum Lachen brachte. Und das ganz ohne Hintergedanken. Engelbert zog seinen Knappen mit einer Hand am Hosenbund hoch und stellt ihn vor sich wieder auf die Beine. Er lachte innerlich, musste sich aber Mühe geben ernst zu bleiben. „Knappe, gehe zum Brunnen und wasche dich gründlich! Dann sattle meinen Rappen Artemis! Hast du dies getan wird dir der Koch Proviant für ein paar Tage mitgeben. Und nun gehe geschwind!“ Und Peter ging, er rannte, er flog geradezu, um alles zu erledigen, was sein Herr im aufgetragen hatte. Engelbert wusste, dass er sich auf seinen Knappen verlassen konnte. Er ging in seine Gemächer um ein paar Münzen einzustecken und um Schild und Mantel anzulegen. Als er wenig später wieder den Burghof betrat, stand Peter schon mit Artemis, einem mächtigen, tiefschwarzen Hengst, bereit. Peter hielt ihm mit der Einen Hand am Halfter, während er ihm mit der Anderen altes Brot, das er dem Koch abgeschwatzt hatte, gab. „Wohin reiten wir?“, fragte Peter leise, den Kopf gesenkt. Er wusste, dass es ihm nicht zustand Fragen zu stellen. Aber er war ja sooo neugierig! „Ich reite allein. Du wirst hier auf meine Rückkehr warten und derweil all die anderen Pferde versorgen.“ Das hatte Peter nicht erwartet! Sonst war er immer an der Seite seines Herrn. Er erwartete sogar, dass er zu jeder Tages- und Nachtzeit bereit war etwas zu erledigen. „Ein guter Knappe ist immer zur Stelle falls der Ritter etwas wünscht. Er ist stets in der Nähe. Ganz unauffällig!“ Wie oft hatte er diese Sätze schon aus dem Munde Engelberts vernommen. Noch bevor Peter protestieren konnte, saß Engelbert auf und ritt durch das Burgtor, hinweg über die Zugbrücke in den Sonnenuntergang. Peter brauchte keine 10 Sekunden um sicher zu sein, dass er den letzten Befehl des Ritters ignorieren würde. Er würde Engelbert von Berg von folgen! In einigem Abstand. Ganz unauffällig! Denn er war ein guter Knappe!
Nach drei Tagen fragte sich Engelbert allmählich, ob es eine gute Idee war einfach so durch das Land zu reiten. Denn es passierte nichts! Rein gar nichts! Er war immer Richtung Nordosten geritten, die Nächte verbrachte er im Freien, aber nicht einmal irgendwelche gemeinen Strauchdiebe versuchten, ihn um sein Hab und Gut zu bringen. Am Morgen des vierten Tages passierte er die Grenze eines alten Waldes. Dieser Wald war ungewöhnlich dunkel. Durch die Kronen der dicht stehenden Bäume drang kaum ein Lichtstrahl auf den Pfad, den er auf Artemis beritt. Engelbert wurde kalt, er begann zu frösteln. Dann kam plötzlich, wie aus dem Nichts ein ungewohnt warmer Nebel auf. Artemis, der Rappe, bockte. Er mochte nicht mehr weitergehen. Denn genauso wie Engelbert konnte der Rappe jetzt kaum noch etwas sehen. Dann hörten beide aus der Ferne so etwas wie Schreie. Das Geräusch schien näher zu kommen und wurde stetig lauter. Ja, da schrieen offensichtlich Kinder! „Endlich ein Abenteuer!“, dachte Engelbert. Denn wo mehrere Kinder schrieen, gab es auch einen Bösewicht.
Und dieser Bösewicht sollte ihn kennen lernen! Seine rechte Hand packte instinktiv den Griff seines Schwertes. Mit einem Male waren der Nebel und die Schreie aber wieder verschwunden. Was Engelbert dann vor sich auf dem Pfad sah, verschlug ihm erst einmal die Sprache: Vor ihm auf dem Waldpfad saßen ein merkwürdig gekleidetes, kleines Mädchen mit großen Kulleraugen und blonden Haaren, eine kleine zerzauste, ebenso bunt gekleidete Hexe und ein kleines Männchen mit auffällig dicken großen Zehen! Drei Knirpse! Und alle Drei schauten ihn aus großen Augen an, als ob sie noch nie einen Ritter gesehen hätten!

An diesem Morgen war Mira sofort hellwach. Sonst ging sie gerne noch hinab in das Schlafzimmer ihrer Mama um zu ihr ins Bett zu kriechen und mit ihr zu kuscheln. Heute aber musste sie sofort hinaus in die Werkstatt ihrer Mutter. Sie war sich nicht sicher ob sie nur geträumt hatte. Gestern Abend hatte sie Cassandra und Inuk kennen gelernt. Nun konnte sie es kaum erwarten die Leiter auf den Boden der Werkstatt hinauf zu steigen. Und siehe da: Sie hatte nicht geträumt! Cassandra und Inuk lagen schlafend auf den Decken, die sie ihnen gestern gebracht hatte. Inuk lag auf dem Rücken und schnarchte inbrünstig vor sich hin. Cassandra wurde just in diesem Augenblick wach: „Oh, guten Morgen Mira! Das wird ein wunderschöner Tag. Ich kann es ganz deutlich fühlen.“ „Ok, dann weck schon mal Inuk.“, sagte Mira. „Ich hol das Frühstück. Meine Mama schläft noch. Wenn sie wach wird, müssen wir aus der Werkstatt verschwunden sein. Sie wird arbeiten wollen.“ Nach einem ausgedehnten Frühstück gingen unsere drei Freunde zuerst einmal spazieren.
Inuk meinte, bei einem Spaziergang könne er immer am besten darüber nachdenken, wie es weiterginge. „Ohne Zauberkräfte und Besen bin ich keine Hexe mehr. Weder eine gute noch eine böse.“, sagte Cassandra sachlich. Mit einer traurigen Stimme ergänzte sie: „Ich wünschte ich wäre eine Fee. Dann bräuchte ich mich nicht für meine guten Taten zu rechtfertigen.“ Noch bevor sie das ganz ausgesprochen hatte gab es einen lauten, donnernden Knall. Direkt vor unseren drei Freunden verflog eine kleine Nebelwolke und gab den Blick frei auf eine kleine Fee, die heftig mit ihren Flügeln schlagend vor ihnen schwebte. „Hallo ihr lieben! Nun schaut nicht so! Hi, hi. Mund zu, es zieht!“ Mira, Cassandra und Inuk standen mit offenem Mund da. „Ihr habt doch bestimmt schon von Feen gehört. Mein Name ist übrigens Riasina. Ich wurde nach der silbernen Mondgöttin benannt weil mein Kleid glitzert und scheint wie das Mondlicht. Ich mag den Mond sehr. Genau wie die Sterne. Leider kann ich sie nicht jede Nacht sehen.“ Sie schaute nachdenklich in den Himmel. „Aber wenn ich ein Stern wäre, würde ich auch nicht jede Nacht Menschen sehen wollen. Sei’s drum. Ich rede schon wieder viel zu viel. Dabei hat doch gerade jemand einen Wunsch geäußert, den ich rein zufällig erfüllen kann.“ Riasina grinste Cassandra breit an.
Diese traute ihren Ohren kaum: „Du kannst aus mir eine Fee machen?“ „Nun, um genau zu sein, leiste ich nur Hilfestellung. Wenn du wirklich eine Fee werden willst, musst du jemanden finden, der bereit ist ein Rätsel für dich zu lösen. Es muss aber jemand fremdes sein. Kann der Fremde das Rätsel lösen, dann werde ich dich zu einer Fee machen. Bei der Suche dürfen dir deine beiden Freunde helfen. Aber damit ihr nicht mogeln könnt, schicke ich euch in einen andere Zeit. Vergangenheit oder Zukunft, wer weiß. Das entscheidet das Schicksal.“ Riasina schaute Cassandra, Mira und Inuk ernst an: „Nun, wollt ihr es versuchen?“ Wie aus einem Munde kam die Antwort der Drei: „Ja, klar! Natürlich!“ Inuk überlegte noch, wie sie wohl in einen andere Zeit gelangen sollten, als er auf einmal das Gefühl bekam, der Boden würde unter seinen Füßen verschwinden. Ja, er hatte plötzlich das Gefühl zu fallen. Immer tiefer, immer schneller. Sie bekamen Angst. Alle drei.
Und weil Angst heraus muss, schrieen sie sie hinaus. Immer lauter. Aus Leibeskräften. Als sie wieder zu sich kamen, konnten sie erst einmal so gut wie gar nichts sehen. Ein warmer Nebel umgab sie. Als wenn sie mitten in einer von der Sonne aufgewärmten Wolke säßen. Als der Nebel sich verzog, staunten sie nicht schlecht. Sie saßen auf einem Waldweg und was ihnen da gegenüberstand kannten sie nur aus alten Büchern: Da stand ein echter Ritter, breit wie eine Schrank, hoch zu Roß, eine Hand am Schwert, die andere am Zügel und schaute sie ungläubig an.

Engelbert saß ab, kniete sich zu den Dreien hinab und nahm das Männchen in seine große Hand und hielt ihn sich näher vor das Gesicht. Das wollte er sich genau besehen. „Wenn Du ein Mensch bist, will ich ein Kobold sein!“, sagte er mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Inuk stemmte die Hände in die Hüften, holte tief Luft und sagte so ernst und laut wie er nur konnte: “Pass auf Du Blecheimer!! In dieser Geschichte gibt es nur einen Kobold und der bin ich, Inuk aus dem Clan der Bigloks. Und wenn du mich nicht sofort runterlässt oder meinen Freundinnen Cassandra und Mira irgendetwas antust, dann haue ich dir ein paar ganz, ganz hässliche Beulen in deine Rüstung!“ Engelbert lachte schallend. „Du hast Mut! Das gefällt mir. Wie kommt ihr hierher? Ihr scheint nicht aus diesem Lande zu kommen!“ Jetzt fanden auch Mira und Cassandra ihre Sprache wieder und erzählten Engelbert von Berg die ganze Geschichte. Er hatte bisweilen Mühe ihnen zu folgen, denn sie redeten oft gleichzeitig und ihre Stimme überschlug sich mehrmals vor Aufregung.
Am Ende der Geschichte angelangt, schloss Mira mit den Worten: „Und jetzt müssen wir nur noch jemanden finden, der das Rätsel für Cassandra löst.“ Engelbert, der noch immer kniete um den drei Knirpsen besser zuhören zu können, stand nun auf, hob stolz den Kopf und sagte ernst: „Nun, eure Suche endet hier. Ich will es gerne versuchen. Ich, Engelbert von Berg, werde das Rätsel für euch lösen Cassandra. Ja, dies scheint die Herausforderung zu sein, nach der mir schon so lange gelüstet.“ Inuk stupste Mira an und flüsterte leise: „Ob der wohl immer so geschwollen daherredet?“ Mira musste sich das Lachen verkneifen. Der Ritter redete wirklich in einem sonderbaren Tonfall. Jetzt tauchte auch Riasina wieder auf. Engelbert verbeugte sich zur Begrüßung. „Endlich wieder mal ein Mann mit Manieren.“, strahlte sie. „Nun denn, das ging ja schneller als ich dachte. Das Schicksal meint es gut mit euch. Können wir Anfangen?“, fragte Riasina an Engelbert gewand. „Ja, sofort.“ Engelbert beugte sich nun herab zu Inuk: „Erweist ihr mir die Ehre und passt währenddessen auf meinen Rappen auf?“

Inuk schluckte. Dieses Pferd war riesig. Nicht so ein normales Pferd, wie er es von den Bauernhöfen Tecklenburgs gewöhnt war. Und selbst diese waren riesig im Vergleich zu ihm selbst. „Das kann ich nicht! Wie soll ich den denn ein Streitross halten? Bei dem Gedanken hab ich schon Angst.“ Engelbert nahm Inuk hoch und stellte ihn auf einen umgestürzten Baum. Dann drückte er ihm Artemis’ Zügel in die kleinen Hände und sagte ruhig: „Kobold, merke dir folgendes gut: Wir lernen am besten, was wir am meisten fürchten. Kopf hoch! Er wird nicht von deiner Seite weichen.“ Artemis schloss sich auf seine Art den Worten seines Ritters an. Er senkte den Kopf damit Inuk seine Nüstern streicheln konnte, was Inuk auch bereitwillig tat. Und das fühlte sich gar nicht schlecht an.
„Wohl denn werte Fee, wie sieht das Rätsel aus?“, fragte Engelbert, die Augen nun auf Riasina gerichtet. „Was passiert, wenn ich das Rätsel nicht lösen kann?“ „Nun, zuerst werde ich dich versteinern. Dein Körper wird ganz aus Stein sein und du wirst dich nicht bewegen können.“ „Wie soll er denn dann das Rätsel lösen und antworten?“, erboste sich Mira. Ihr erschien das unfair.
Cassandra legte Mira beruhigend eine Hand auf die Schulter: „Riasina wird wissen wenn er die Lösung des Rätsels gefunden hat.“ „Sehr richtig ihr lieben.“, bestätigte Riasina. „Solltet ihr das Rätsel nicht lösen können bleibt ihr bis in alle Ewigkeit versteinert. Ritter hin oder Graf her. Solltet ihr das Rätsel lösen, werde ich die Versteinerung wieder von euch nehmen und Cassandra wird eine Fee sein.“ Engelbert nickte: „Das scheint mir ein fairer Handel zu sein. Nun denn werte Fee, ihr könnt jetzt beginnen.“ Riasina griff nun in eine Tasche ihres Kleides und holte ein silbernes Pulver hervor. Das blies sie Engelbert mitten ins Gesicht. Und tatsächlich: Nach und nach wurde Engelbert von Berg zu Stein. Riasina rieb sich vergnügt die Hände: „Schön, schön. Jetzt können wir zum Rätsel selbst kommen. Hier ist es: Wo befindet sich der größte Schatz der Menschheit?“ In Engelberts Kopf rumorte es nun. Er konnte sich zwar überhaupt nicht mehr bewegen, aber sehen und hören konnte er noch genauso gut wie vorher. Der größte Schatz? Wo mochte der sein? Jerusalem, Rom oder gar Babylon? Wer mochte der Besitzer dieses so großen Schatzes sein? Bestand er aus Gold oder Juwelen? Ging es vielleicht um die Reichtümer der Kirche? Ihre Reliquien? Auch Inuk, Mira und Cassandra überlegten für sich. Aber keiner von ihnen fand eine Antwort. Sie hätten nur raten können. Langsam wurde auch Engelbert bange. Er bekam Angst! War er zu übermütig gewesen? Sollte er ein kaltes Stück Stein bleiben müssen? Gerade als Engelbert anfangen wollte seinen Leichtsinn zu verfluchen, erschien ein schlaksiger rothaariger Junge.
Der Knappe Peter hatte Engelbert, in den vergangenen Tagen, in einigem Abstand verfolgt. Er hatte sich aber gewundert, dass sein Ritter sich jetzt eine ganze Zeit lang nicht mehr bewegte. Er machte sich Sorgen und beschloss nach dem Rechten zu sehen. Was er jetzt aber sah und von Riasina prompt erklärt bekam, gefiel ihm aber ganz und gar nicht. Er spürte, dass sein Ritter keine Antwort auf das Rätsel fand. Den anderen ging es wohl ähnlich. Peter mochte sich mit diesen trüben Gedanken ganz und gar nicht abfinden! Er würde seinen Herrn auch niemals einfach so im Stich lassen. Er hatte sonst ja auch niemanden, denn er war Waise! In seiner Verzweiflung nahm der Knappe das Schwert seines Herrn und hieb damit auf den versteinerten Engelbert ein. Wieder und immer wieder. Vielleicht konnte er ihn so befreien. Funken flogen, aber nichts geschah, obwohl Peter zuschlug, als ob es um sein eigenes Leben ginge. Bis zur Erschöpfung schwang er das Schwert. Das wiederum hinterließ nicht einmal Kratzer auf dem Stein, aus dem jetzt sein Ritter war.
Engelbert sah traurig zu wie sein Knappe erfolglos versuchte ihm zu helfen. Der Weg mochte falsch sein, aber der gute Wille war da! Engelbert war sich sicher, dass niemand ihm mehr ergeben war als dieser kleine rothaarige Junge. Ein sanftes, warmes Gefühl stieg in ihm auf. Er dachte: „Das ist mein Knappe. Mein Gott, dieser junge Bursche hat wirklich ein Herz aus Gold! Ich liebe ihn wie meinen eigenen Sohn.“ Engelbert stutzte. Da war sie, die Antwort. „ Ein Herz aus Gold.“ Ganz langsam, wie ein Schiff, das aus dem Horizont erscheint und dann größer wird, kam sie auf ihn zu: „Im Rätsel geht nicht um Gold, es geht um Gefühle wie Liebe, Respekt und Anerkennung. Das alles hat sich dieser Knappe mehr als verdient. Wie konnte ich so blind sein! Der größte Schatz der Menschheit sind unsere Gefühle. Und die finden wir in unseren Herzen! ‚In unseren Herzen’ ist die Antwort“ Kaum das er diesen Gedanken zu Ende gebracht hatte, wandelte sich sein Körper wieder in einen aus Fleisch und Blut. Langsam zwar, aber immer weiter kam die Beweglichkeit zurück. Auch mit Cassandra geschah unterdessen eine Art Verwandlung. Sie wurde kleiner!
Mira und Inuk sahen einander an und begriffen erst langsam was da vor sich ging. Engelbert und sein Knappe, die nun links und rechts neben Artemis standen und dessen Hals tätschelten, lächelten. Aus Cassandra wurde nach und nach eine kleine Fee. Mit zierlichen Flügeln und einem Strahlen, das dem Licht der Sonne glich. „Genug gestaunt.“ Riasina unterbrach das wortlose Schweigen. Cassandra flog nun in wilden Kreisen um Engelbert herum und rief: „Danke, danke, danke!!“ „Genug jetzt! Wenn du so weitermachst küsst du gleich ungewollt einen Baum.“, riet Mira. „Genau!“, bestätigte Riasina. „Das Rätsel ist gelöst. Es wird Zeit, dass ihr nach Hause kommt.“ Sie machte eine schwungvolle Handbewegung und mit einem „Plopp“ standen Engelbert, sein Knappe und der Rappe wieder allein auf dem Waldpfad. Riasina, Mira, Cassandra und Inuk waren nun fort. Verschwunden. „Nun, auch wir sollten uns auf den Weg zurück in unsere Burg machen.“, sagte Engelbert offensichtlich gut gelaunt. „Reite du auf Artemis. Ich werde voran gehen.“ „Aber mir als Knappe steht das doch gar nicht zu!“ Peter war verunsichert. Er hatte noch keines der Pferde seines Herrn reiten dürfen. „Du hast heute bewiesen, dass weit mehr in dir steckt als nur ein Knappe. Und meinen steifen Gliedern tut ein wenig Bewegung jetzt bestimmt gut.“ Als sie die Grenze des Waldes passiert hatten schaute der Knappe sich noch einmal um: „Herr, glaubt ihr wir werden die Feen, das Mädchen und den Kobold noch einmal zu Gesicht bekommen?“ Engelbert lachte: „Bei meiner Treu! Ja, ich bin mir ganz sicher, dass dies nicht das letzte Abenteuer ist, das wir gemeinsam bestreiten werden. Aber dann wirst du zu Anbeginn an meiner Seite stehen.“ Peter strahlte über das ganze Gesicht. „Danke Herr!“ Engelbert von Berg blieb stehen und schaute seinen Knappen tief aber freundlich in die Augen: „Nun Knappe, ich danke Euch!“

© Peter Druffel 2008

CODE IS POETRY!