Die Holzkugel

Die Holzkugel

An Tagen wie diesen war Inuk immer todlangweilig. Er saß allein in seinem Zimmer in der Familienhöhle in den Bergen Tecklenburgs. Inuk war ein Kobold. Nicht irgendein Kobold! Nein, er gehörte dem edlen Geschlecht der Bigloks an. Biglok heißt soviel wie „großer Zeh“, was sehr passend war, denn die Bigloks erkannte man sofort an ihren enorm großen Zehen. Besonders der große Onkel war bei den Bigloks sehr, sehr groß. Gerade deswegen wurden sie auch gerne von anderen Kobolden gehänselt. Großmutter Griselda betonte dann immer, dass es keinen Grund gäbe sich der großen Zehen zu schämen, sie sollten stolz sein – denn immerhin hätten ihre Vorfahren schon unter Kaiser Ottokar dem zehnten gedient. Inuk verstand nie warum er stolz darauf sein sollte, dass einige seiner Vorfahren, unter wem auch immer, Krieg geführt hatten. Er fand Krieg blöd. Überhaupt war es Inuk am liebsten wenn jeder um ihn herum fröhlich war und lachte. Und wenn man ehrlich war – dann waren die großen Zehen wirklich zum lachen! Er fand das gar nicht so schlimm.
Nächste Woche würden sie Großmutters eintausendachthundertsechsundfünfzigsten Geburtstag feiern. Deswegen waren alle erwachsenen Kobolde der Familie eifrig damit beschäftigt alles für das große Fest vorzubereiten, was aber auch bedeutete, dass niemand Zeit hatte mit Inuk zu spielen. Inuk war erst einhundertsiebenundvierzig Jahre alt und das einzige Kind in den Höhlen unter den Bergen und Felder der Gegend.
Inuk beschloss in das Wohnzimmer zu gehen. Vielleicht war Großmutter Griselda bereit ein wenig mit ihm zu spielen oder ihm eine Geschichte zu erzählen. Letzteres konnte Großmutter Griselda besonders gut. Obwohl sie meistens die selben Geschichten erzählte war es immer wieder spannend, weil sie stets etwas neues hinzuerfand und jedes Mals aufs neue betonte, es habe sich genau so zugetragen. Inuk musste dann immer ein wenig kichern, weshalb Großmutter dann immer ein wenig streng zu ihm herab schaute. Aus dem strengen Blick wurde dann aber immer gleich wieder ein liebevolles lächeln.
Er durchschritt fröhlich pfeifend den langen Flur, der komplett mit Holz ausgekleidet war, wie jedes Zimmer der Kobolde. Das Säubern der Räume war seit jeher Männersache. Und da Koboldmänner praktisch denkende Geschöpfe sind und Fegen nicht unbedingt zu ihren Lieblingsbeschäftigungen gehört, haben sie irgendwann angefangen alle Wände und Decken mit Holz zu verkleiden. So bröselt nicht immer die Erde von oben auf den Fußboden – und gut aussehen tat es noch dazu.
Inuk betrat das Wohnzimmer. Im großen offenen Kamin brannte noch der Rest des Feuers, das sie für das Frühstück entfacht hatten. Großmutter Griselda saß in ihrem großen Ohrensessel und schnarchte. Sie schlief tief und fest. In ihrem Schoß lag noch ihr Schnitzmesser und ein langes Stück Wurzelholz. Offenbar hatte sie begonnen sich eine neue Pfeife zu schnitzen.
Sie würde seine Langeweile also auch nicht vertreiben! Leicht zornig stellte Inuk fest, dass es wohl keinen interessierte was er tat und ob es ihm gut ginge. Die anderen Familienmitglieder waren wahrscheinlich alle oben, außerhalb der Höhlenwelt unterwegs. Dort wo die Menschen wohnten. Inuk hatte noch nie einen Menschen gesehen.
Großmutter sagte immer sie seien eigentlich gute Wesen. Nur hätten sie mit der Zeit aufgehört an das zu glauben was sie mit ihren eigenen Augen sehen konnten. Heute würden sie eher auf Dinge wie Fernsehen und Zeitungen hören und sich vorschreiben lassen was sie denken sollten. Inuk kannte weder Fernsehen noch Zeitungen. Nur in der Bibliothek der Höhle standen Unmengen von alten Büchern, die soweit er wusste, nur nützlich Dinge enthielten.
Am liebsten wäre Inuk mit den Erwachsenen Beeren suchen gegangen. Normalerweise essen Kobolde das Jahr über nur Kartoffeln und Rote Beete. Diese konnten sie ganz bequem von unten aus den Felder der Bauern ziehen. Das fiel denen gar nicht auf und mehr brauchten die Kobolde auch nicht um zufrieden zu sein. Nur für besondere Anlässe, wie Großmutters Geburtstag, gingen die erwachsenen Kobolde an die Oberseite der Erde um süße Beeren zu sammeln. Diese Beeren gab es dann in allerlei Kuchen und Nachspeisen.
Sollte Inuk einfach mal selbst nach oben gehen und sich einen Menschen aus der Nähe ansehen? Schließlich würde er in dreiundfünfzig Jahren ohnehin nach oben dürfen, denn dann wäre er erwachsen.
Aber er würde kaum unbemerkt durch den Eingang zur Höhle kommen ohne von den Erwachsenen ertappt zu werden. Denn die gingen jetzt mit den Beerenkörben dort ein und aus. Da erinnerte sich Inuk an einen zweiten Eingang zur Koboldhöhle. Der befand sich im Norden der Höhle und endete genau in einem winzigen Hügel hinter einem kleinen Haus. Mama Antonia sagte mal, dass dort eine Töpferin mit ihrer Tochter wohne.
Und da diese Töpferin auch einen Hund habe, würden sie diesen Eingang nicht gerne benutzen.
Inuk machte sich auf den Weg. Nicht ohne sich vorher noch einen Portion Rote Beete in der Küche einzuverleiben und sich nachher den Mund mit seinem Ärmel abzuwischen – es sah ja niemand. Ohne jemanden zu begegnen ging er Richtung Norden durch das weit verzweigte System von Gängen und Treppen: „Mir kann ja nichts passieren. Ich schaue nur einmal durch einen Spalt in der Tür und schaue mir die Menschen an. Und sollte der Hund wirklich kommen, mache ich die Tür einfach vor seiner Nase zu!“
Nach einer ganzen Weile hatte er den Eingang auch gefunden. Die Tür sah wirklich aus als ob sie seit Jahren nicht mehr benutzt worden sei. Er musste sich mit aller Kraft dagegen stemmen bevor sie endlich nachgab.
Erst nur einen Spalt, dann ging sie ganz auf. Es dauerte ein paar Minuten bis Inuk sich an das grelle Sonnenlicht gewöhnt hatte. Er war nur das weiche Licht der Rapsöllampen gewöhnt, die überall in der Höhle an den Wänden hingen. So hell hatte er sich die Sonne nicht vorgestellt.
Doch jetzt wo sich seine Augen an das helle Licht gewöhnt hatten sah er trotz allem nicht viel. Das Grass vor dem Eingang der Höhle war viel zu hoch! Du musst wissen: Kobolde sind nicht sehr groß. Vielleicht so groß wie ein Küken.
Inuk legte sich also auf den Bauch, robbte ein wenig vor und schob die Grashalme mit den Händen zur Seite um etwas sehen zu können. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Was er dann sah gefiel ihm sehr!
Von dem kleinen Hügel herab konnte er in einen wunderschönen Garten sehen. Direkt vor ihm, am Haus gelegen, lag einen Fläche mit allerlei Sitzmöglichkeiten, die eingerahmt war von an einander gereihten Steinen. Das sah fast aus wie eine Schlange. Rechts ein kleiner Teich und ein kleiner Pavillon der aus Weiden geformt war. Dort lag im Schatten auch tatsächlich ein alter schwarzer Hund und schlief offensichtlich.
Links vom Hügel sah er mehrere Büsche und einen Weg der wohl um das Haus herum führte.
Und auf diesem Weg stand ein Mensch! Inuks erster Mensch! Das musste die Töpferin sein. Sie trug einen langen braunen Wickelrock und ein grünes Oberteil, Schlappen und hatte die wunderschönen langen Haare hinten zu einem Zopf gebunden.
Sie beschnitt einen der Büsche und sah recht zufrieden dabei aus. Dann hob sie plötzlich den Kopf, schaute in alle Richtungen. Inuk hatte schon Angst sie hätte ihn bemerkt und erschrak. Dann aber drehte sie Inuk den Rücken zu und rief laut: „Mira, wo bist Du? Was machst Du gerade?“ Inuk atmete durch und war überrascht. Er hätte eine Stimme wie die seiner Mutter erwartet. Aber die Stimme der Töpferin war viel tiefer, was noch anging denn sie war ja viel größer als Mama. Aber die Stimme der Töpferin war ein wenig rau, dabei aber sehr sanft und klang sehr lieb und friedlich. „Wenn alle Menschen so klingen verstehe ich nicht warum wir ihnen aus den Weg gehen!“, dachte Inuk bei sich und legte sein Kinn auf seine Hände um sich weiter umzusehen.
Wie aus dem Nichts heraus erschien ein weiterer Mensch. Er kam über den Weg auf die Töpferin zu. Er war viel kleiner und lachte über das ganze Gesicht. „Das muss ein Menschenkind sein“, dachte Inuk. „Das ist bestimmt die Tochter der Töpferin und sie heißt dann wohl Mira.“ Sie hatte lange blonde Haare und riesengroße blaue Augen, bei denen Inuk sofort an den tiefen blauen See in den Tiefen der Berge Tecklenburgs denken musste. Dort stand er oft und versuchte durch die Spiegelglatte Oberfläche den Grund des Sees zu sehen, was ihm aber nie gelang.
„Ich habe in meiner Küche einen Kuchen für Dich gebacken Mama.“, sagte Mira mit strahlenden Augen, „Du musst jetzt sofort mitkommen und ihn probieren!“
Inuk war sehr verblüfft. Menschenkinder hatten eigene Küchen und durften dort allein Backen? Bei den Kobolden wurde das Bereiten der Mahlzeiten sehr ernst genommen. Ausschließlich die erwachsenen Kobolde durften das Essen zubereiten.
Die Töpferin legte die Schere, mit der sie die Büsche beschnitten hatte, beiseite und sagte munter: „Na dann mal los! Bin schon sehr gespannt wie Dein Kuchen schmeckt.“
Die Töpferin und ihre Tochter gingen nun Hand in Hand den Weg entlang und entfernten sich von Inuk. Er war zu neugierig! Das musste er sehen! Er folgte ihnen vorsichtig über den Weg, ging dabei immer ganz nah an den Büschen vorbei.
Der Weg ging vorbei am Haus und dessen Hof, vorbei an Bergen von Kaminholz. An einem großen Haufen von etwas, das aussah wie grob gemahlenes Holz, holte er die Töpferin und ihre Tochter wieder ein. Dort lag allerlei Geschirr und buntes Besteck herum, das eigentlich viel zu klein sein musste für die Menschen. Mira steckte einen Löffel in eine Tasse, die gefüllt war mit diesen Holzspänen. „Versuch mal Mama, vielleicht muss noch etwas mehr Salz dazu.“, sagte Mira und streckte der Töpferin den Löffel mit etwas von den Holzspänen darauf, entgegen.
Jetzt begriff Inuk! Das war ein Spiel!
Just in diesem Moment nahm Inuk ein Furcht erregendes Geräusch wahr. Ein tiefes Knurren, das er bis tief in seinen Bauch spürte. Wie versteinert stand er da und drehte ganz, ganz langsam seinen Kopf um sich umzusehen. Dicht hinter ihm stand der Hund der Töpferin und bleckte die Zähne.
Inuk dachte fieberhaft nach was jetzt zu tun sei. Doch noch bevor er einen einzigen klaren Gedanken fassen konnte, machte der Hund einen Satz in seine Richtung. Inuk tat das einzig Richtige – er sprang auch.
Während Inuk in den Busch links neben ihm sprang, spürte er noch den warmen Atem des Hundes in seinem Nacken. Er hatte panische Angst! Er landete zwischen den Ästen des Busches und, um sicher zu gehen, dass der Hund ihn auch ja nicht erreichen konnte, rannte er so schnell wie er konnte weiter in den Busch hinein. Dabei schaute er über seine Schulter nach hinten um zu sehen ob der Hund ihm hinterher kam. Peng! Aua!! Das tat weh! Inuk war über irgendetwas gefallen, fiel vorne über und während sich sein Gesicht in den feuchten Boden grub, rutschten seine Beine über etwas Rundes. Leise fluchend rappelte er sich auf, rieb sich die Erde vom Gesicht und begutachtete den Rest seines kleinen Körpers. „Alles noch da, nur ein wenig dreckig aber ansonsten offensichtlich heil.“, dachte er und drehte sich um. Da lag eine große runde Kugel vor ihm zwischen den Zweigen des Busches.
Das hatte Inuk noch nie gesehen. Die Kobolde hatten zwar auch Kugeln, aber sie waren nicht im Stande sie so perfekt rund zu bekommen.
Ihre Kugeln waren aus Stein und waren immer ein wenig eirig und niemals so glatt, wie die Kugel die dort direkt vor Inuk lag. Sie hatte die perfekte Größe. Du musst wissen: Bei den Kobolden gibt es eine Sportart, das Steinschiessen, bei der man mit einer dieser Steinkugeln aus einer bestimmten Entfernung auf Kristallfiguren schießen muss. Die Bigloks waren nicht sehr gut in diesem Sport, weil ihre großen Zehen sie doch ein wenig behinderten. Inuk war trotzdem ein großer Fan dieses Sportes und bei dem Anblick dieser wunderschönen Kugel vergaß er sofort den Hund und die Angst die er gerade noch gehabt hatte. Er hob die Kugel auf und rieb mit den Händen darüber um die Erde von ihr zu wischen. Sie war aus Holz! Ganz aus Holz und wunderbar glatt. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Niemand sonst bei den Kobolden hatte eine so schöne Kugel. Er hob sie auf und ging vorsichtig mit ihr bis zum Rande des Gebüsches. Er hatte beschlossen sie kurzerhand mitzunehmen. Weder die Töpferin mit ihrer Tochter noch der Hund waren zu sehen. So schlich er sich vorsichtig über den Weg zurück zum Höhleneingang.
Kaum hatte er die Tür zur Höhle hinter sich geschlossen fiel ihm ein, dass er die Holzkugel niemanden zeigen konnte. Dann hätte er zugeben müssen, dass er verbotenerweise die Höhle verlassen hatte. Und das hätte sicher Ärger bedeutet.
Aber er musste die Holzkugel unbedingt ausprobieren! Zwar hatte er keine eigenen Kristallfiguren aber ein wenig mit ihr zu kicken, war jetzt genau das was er wollte. Er ging vorsichtig, ohne jemanden zu begegnen, über die langen Flure zur Halle der Kristalle. Dies war eine große Halle deren Wände gesäumt waren von großen Bergkristallen, die den Kobolden heilig sind. Eigentlich hatte Inuk auch dort nichts zu suchen. Nur die älteren Kobolde wie Großmutter Griselda oder Großonkel Matti gingen dorthin wenn sie in Ruhe über etwas nachdenken mussten. Sonst war dort eigentlich nie jemand. Inuk zog sein Hemd aus und putze die Holzkugel noch einmal gründlich ab. Das Hemd war ohnehin schon dreckig. Dann begann er mit der Holzkugel ein wenig zu spielen, er rollte sie erst langsam – dann schneller über den glatten Boden der Halle. Er stellte sich vor einer der großen Steinschiesser zu sein und träumte davon die alljährliche Meisterschaft zu gewinnen.
Während er so vor sich hin träumte gingen die Pferde mit ihm durch. Er nahm Anlauf und schoss so feste er konnte. Die Holzkugel flog hoch und weit, weit durch die Halle der Kristalle und da passierte es – klirr!!!!! Die Holzkugel flog mitten in die Bergkristalle auf der anderen Seite der Halle. Mindestens drei von ihnen brachen ab und fielen mit ohrenbetäubendem Lärm auf den Boden. Das Echo, das darauf folgte, nahm Inuk schon nicht mehr wahr. Er war vor Schreck wie versteinert. Was hatte er getan? Er hatte einige der heiligen Bergkristalle kaputt gemacht! Man würde ihn sicher bestrafen! Wie sollte er das erklären? Noch während er stocksteif dastand und sich in Gedanken ausmalte was jetzt wohl mit ihm passieren würde, nahm er ein leises Kichern hinter sich war. „Was gibt es daran zu lachen?“, dachte er zornig bei sich und drehte sich um. Im Eingang der Halle stand Großmutter Griselda, den Körper auf einen ihrer Gehstöcke gestützt und lächelte Inuk sanft an. „We, we, we, werde ich jetzt bestraft?“, fragte Inuk stotternd. „Ich denke der Schreck der Dir gerade in die Glieder gefahren ist, war Strafe genug.“, sagte Großmutter Griselda langsam und sehr, sehr ruhig. „Aber die heiligen Kristalle sind doch kaputt gegangen!“, rief Inuk verzweifelt.
Großmutter Griselda lachte: „Die wachsen wieder nach junger Mann. Das dauert zwar sehr, sehr lange aber Zeit dafür gibt es mehr als genug. Aber sag einmal: Wo hast Du diese Holzkugel her?“ „Aus dem Garten der Töpferin.“, sagte Inuk kleinlaut.
„So, so. Und wem gehört sie?“, fragte Großmutter Griselda. „Mir!“, antwortete Inuk sofort. Großmutter Griselda ging langsam auf Inuk zu, beugte sich zu ihm herab, legte ihren Arm um ihn und fragte ernst: “Haben wir Dir nicht beigebracht das alles Jemandem oder sonst nur sich Selbst gehört? Wenn sie im Garten der Töpferin lag, dann gehört sie wem Inuk?“ „Der Töpferin?“, stöhnte Inuk leise vor sich hin. „Genau! Was hattest Du eigentlich im Garten der Töpferin zu suchen?“ Sie hob eine Augenbraue. „Mir war langweilig und ich wollte auch mal sehen was es dort oben interessantes gibt.“, antwortete er trotzig, besann sich aber dann und fragte wieder freundlicher: “Werde ich denn dafür bestraft?“ „Ja, ein bisschen!“, erwiderte Großmutter Griselda. Inuk erschrak. „Du wirst diese Holzkugel der Töpferin wieder zurückbringen.“, befahl sie. „Aber ich will die Holzkugel behalten! Und die Töpferin hat einen großen Hund, der mich beinahe gefressen hätte!“, schrie Inuk.
Großmutter Griselda klemmt den Gehstock in eine ihrer Achseln und legte ihre Hände beruhigend auf Inuks Schultern: “Hör zu: Nicht alles was man im Leben haben will, kann man auch bekommen. Das musst Du lernen! Und es reicht vollkommen wenn Du die Holzkugel am Höhleneingang den Hügel hinab rollen lässt. Dann findet sie die Töpferin bestimmt irgendwann wieder. Wenn ich mich recht erinnere, spielt die Töpferin mit ihrer Tochter ab und zu ein Spiel mit solch einer kleinen und mehreren größeren Kugeln. Sie wird sie vielleicht schon vermissen.“ Großmutter Griselda schob Inuk in Richtung Hallenausgang: „Komm, ich werde Dich begleiten.“ Sie gingen langsam durch die Flure zum nördlichen Höhleneingang. Inuk stemmte erneut die Tür auf. „Na los!“, forderte Großmutter Griselda Inuk fröhlich auf. Inuk nahm die Holzkugel und rollte sie, nicht ohne noch einmal aus ganzer Seele zu stöhnen, den kleinen Hügel herab. Sie kullerte durch das Gras genau bis an den Fuß des Hügels. Inuk und seine Großmutter standen nun da, gingen einen Schritt vor und schauten in den schönen Garten. Jetzt erst bemerkten beide, dass die Töpferin direkt neben ihnen vor dem Hügel hockte und sich verträumt die Blumen besah. Inuk zuckte vor Schreck zusammen.
„Ruhig Junge“, sagte Großmutter Griselda. „Selbst wenn sie uns sieht wird sie uns nichts tun. Sie sieht aus wie eine kluge Frau. Und wirklich kluge Frauen tun nichts Böses!“ Mira, die Tochter der Töpferin kam nun vom Haus aus auf den Hügel zu. Als sie neben ihrer Mutter stand, die immer noch verträumt auf ihre Blumen schaute, blieb sie stehen und schien ein wenig unschlüssig was sie jetzt tun solle. Sie drehte sich um und setzte sich schweigend an den Fuß des Hügels, direkt vor den Höhleneingang. Kaum das sie sich gesetzt hatte fuhr sie auch schon wieder hoch: „Aua, was liegt denn da in der Wiese, Mama?“ Sie griff unter sich und hatte nun die Holzkugel in der Hand. „Wo kommst Du denn her?“, fragte sie erstaunt. Die Töpferin sah die Holzkugel und musste lachen: „Die hatten wir doch in einem der Gebüsche vorne verloren! Wie kommt die denn hierher?“ „Vielleicht haben wir Kobolde, die uns Dinge verstecken?“, fragte Mira. „Kann sein.“, erwiderte die Töpferin lächelnd. „Dann lass uns doch noch vor dem Essen eine Runde mit den Kugeln spielen.“ Mira strahlte: “Au ja!“
Beide gingen Hand in Hand mit der Holzkugel über den Weg, vorbei am Haus, Richtung Hof. „Weißt Du was schön ist?“, fragte Inuk. „Nein.“, antwortete Großmutter Griselda. „Ich hätte nur alleine an der Holzkugel Spaß haben können. Jetzt haben Zwei Spaß daran!“, sagte Inuk fröhlich. Großmutter Griselda lachte: „Da hast Du vollkommen Recht!“
Als es Zeit war zu Bett zu gehen, kam Großmutter Griselda noch einmal an Inuks Bett. „Na, alles klar bei Dir?“ „Ja. Sag bitte einmal Großmutter – glaubst Du das die Menschen wissen das es uns gibt?“ Inuk musste furchtbar gähnen. „Ich glaube nicht.“, sagte sie, gab ihm einen Kuss und ging zur Tür. „Aber sicher bin ich mir da auch nicht!“

© Peter Druffel 2005

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