Der Zauberkater

Mira und der Zauberkater

Mira hatte heute einfach keine Lust zu schlafen. Mama hatte ihr, wie immer, eine Geschichte vorgelesen und ein Lied mit ihr gesungen. Dann hatte sie Mira einen Kuss gegeben und war, wie jeden Abend, nach draußen gegangen, um die Tiere in ihre Ställe zu sperren, denn sonst bekamen diese Besuch vom Fuchs. Und der war gar nicht eingeladen. Mira lag in ihrem Bett, sah wie das Mondlicht in ihr Zimmer fiel und ärgerte sich ein wenig, dass sie nicht noch länger auf bleiben durfte. Ein Gähnen machte sich in ihrem Mund breit und Mira beschloss, dem Schlaf wenigstens eine kleine Chance zu geben. Sie zog ihre Bettdecke hoch bis zum Hals, wühlte mit dem Kopf noch das Kissen zurecht und schloss die Augen. Doch irgendwie kam sie nicht zur Ruhe. Mira drehte sich auf die rechte Seite, dann wieder auf die Linke, um dann auf dem Rücken liegen zu bleiben.

Mira seufzte und überlegte gerade, ob sie nach ihrer Mama rufen sollte, als plötzlich ein Kratzen zu hören war. Sie erschrak, hielt die Augen aber geschlossen denn sie sagte sich, dass dies wohl nur eine der Katzen war, die sich in ihr Zimmer unter dem Dach geschlichen hatte. Nun hörte sie erneut ein Geräusch. Es klang dumpfer als zuvor, und nun bekam Mira doch ein bisschen Angst. Mira zog die Decke über den Kopf und überlegte noch, woher dieses Geräusch kam, als sie spürte, wie etwas zwischen ihren Knien auf die Bettdecke fiel. „Das ist bestimmt eine von meinen Katzen, die es sich bei mir gemütlich machen will“, beruhigte sich Mira, versuchte einen strengen Blick aufzusetzen und schlug die Bettdecke zurück. Und dort, zwischen ihren Beinen, war tatsächliche eine Katze. Es war fast Vollmond und der Himmel war sternenklar, so dass Mira recht gut sehen konnte was, oder besser wer sie da besuchte.
Doch Mira traute ihren Augen kaum! Diese Katze saß nicht einfach auf der Bettdecke, sondern diese Katze stand auf ihren Hinterbeinen aufrecht da, hatte die Vorderpfoten in die Seiten gestemmt und schaute Mira mit einem breiten Grinsen an. Und das Tollste: Diese Katze trug Kleidung! Mira kannte die Geschichte vom gestiefelten Kater, aber diese Katze trug ein furchtbares Durcheinander verschiedener Kleidungsstücke, die gar nicht zueinander passten! Schwarze Cowboystiefel; eine an vielen Stellen geflickte Jeanshose mit Schlag, die viel zu lang war; ein Rüschenhemd mit rotem Seidenschal im Kragen und darüber eine Lederjacke, wie Mama sie zum Motorradfahren trug. Gekrönt wurde dies alles von einer Baseballmütze, die sie verkehrt herum trug und an deren Seite ein Bündel Pfauenfedern steckte. Mira war sprachlos.

Die Katze hingegen nahm ihre Mütze ab, machte eine tiefe Verbeugung, schwang die Kopfbedeckung mit einem eleganten Schwung und sagte: „Gestatten? Mein Name ist Horatio Eusebius Felidae, Zauberkater des Circus Sonderlich und letzter lebender Nachfahre Merlins, zu Deinen Diensten. Ich bin gekommen, weil es ein Abenteuer zu bestehen gibt und Du offensichtlich gerade nicht schlafen kannst.“ Mira stand vor Staunen der Mund offen. Dieser Kater vor ihr sah nicht nur höchst sonderlich aus – nein – er sprach auch noch mit ihr! Langsam fand Mira ihre Sprache wieder und stotterte: „Aber ich will keine Abenteuer bestehen!“ „Oh, das hat Bilbo Beutlin damals auch gesagt bevor mein Ur-Ur-Ur-Ur-Großonkel Gandalf ihn in sein Abenteuer schickte“, kicherte Horatio. „Frag deine Mama, sie kennt die Geschichte. Und ich weiß, sie mag sie.“ Er zwinkerte Mira zu.

„Ich will jetzt aber nirgends hingehen und Abenteuer erleben will ich auch nicht, weder große noch kleine“, protestierte Mira. „Nun, man erfährt nicht welche Größe Abenteuer haben, bevor sie nicht beginnen. Manchmal kann man ein großes Abenteuer erleben, während man einfach nur still dasitzt“, feixte Horatio. „Ich will aber hier im Bett bleiben!“, widersprach Mira trotzig und setzte sich nun auf. Horatio trat einen Schritt auf sie zu, lächelte und hob eine seiner Pfoten, so dass die Innenseite nach oben zeigte. „Perfekt“, flüsterte er. In seiner Pfote erschien nun eine kleine blaue Flamme, aus der rosafarbener Rauch aufstieg, der ein bisschen aussah wie Zuckerwatte. Er holte tief Luft und blies Mira den Rauch in ihr Gesicht. Mira kniff schnell die Augen zusammen, denn sie fürchtete, dass der Rauch in den Augen brennen würde. Einen klitzekleinen Augenblick später, hörte Mira Horatios fröhliche Stimme: „Kannst die Augen wieder aufmachen, Kleines!“ Mira ahnte schon, dass jetzt irgendetwas Merkwürdiges geschehen würde, aber sie erwartete noch in ihrem Zimmer zu sein. Sie öffnete die Augen. Eines stand fest: Dies war garantiert nicht Miras Kinderzimmer! Sie saß nicht mehr auf ihrem Bett! Sie saß nun auf einem Heuballen! Dieser wiederum befand sich in einem großen Zelt, in dem allerlei Tiere in ihren Boxen standen. In der Box direkt neben ihr stand eine Gruppe Kamele. Das größte der Kamele beugte sich zu ihr herab, zwinkerte ihr zu, und sagte: „Moin, moin, meine Name ist Georg. Aber Du darfst Schorsch zu mir sagen. Das tun alle meine Freunde. Willkommen im Circus Sonderlich! Nimm Horatio nicht übel was er getan hat. Er muss immer eine Riesenshow abziehen, und Zuhören gehört auch nicht zu seinen Stärken, aber er meint es nur gut. Ist ein lieber Kerl, wirklich. Und wir können deine Hilfe wirklich gut gebrauchen.“
„Warum könnt ihr sprechen und wieso braucht ihr meine Hilfe?“, fragte Mira. „Warum sollten wir das nicht können?“, antwortete Schorsch. „Du musst wissen, dass hier im Circus Sonderlich alle Tiere sprechen können. Aber nur Menschen mit Fantasie können uns hören. Da fast alle Menschen früher oder später das werden, was sie erwachsen nennen, verlieren sie meist ihre Fantasie, leider. So sind es eigentlich nur die Kinder, die uns verstehen können.“ Mira stand auf und sprang vom Heuballen herunter. Sie rückte ihren Schlafanzug zurecht, setzte eine ernste Miene auf und sagte möglichst selbstbewusst: „Nun, wenn ihr meine Hilfe benötigt, würde ich jetzt gerne wissen was ich tun soll. Denn ich möchte schnell wieder heim!“ Horatio hüstelte und wirkte jetzt etwas verlegen und stotternd begann er: „Eigentlich, ja, eigentlich ist es ganz einfach. Und irgendwie, nun ist es das auch wieder nicht.“ Er räusperte sich.
Ein großer Elefant, der in der hintersten Ecke des Zeltes an einer Kette gefesselt war stopfte sich grad eine Riesenportion Heu mit seinem Rüssel in sein Maul. Noch mit vollem Maul schimpfte er: „Nun sagt ihr schon, dass sie Leo verarzten soll. Die kleine hat mehr Mumm in den Knochen als ihr alle zusammen, da bin ich sicher!“ Der Elefant, der ganz nebenbei bemerkt eine rote Zipfelmütze trug und Detlef hieß, zwinkerte Mira zu. „Die Wahrheit nämlich ist, dass wir Deine Hilfe gar nicht bräuchten, wenn Horatio etwas mehr Mut aufbrächte.“ Mira sah Horatio an, der just in diesem Moment den Kopf hängen ließ. „Er hat recht“, bekannte er. „Ich bin wirklich nicht sehr mutig. Leo macht mir Angst, obwohl ich weiß, dass er mir nichts antun würde. Aber ich bin nun mal nur ein Kater und Kater können nun mal nicht aus ihrer Haut.“

Auch wenn Mira gerade noch wütend auf Horatio war, weil er sie einfach gegen ihren Willen dorthin in das Zelt gezaubert hatte, tat er ihr nun leid. „Zeig mir diesen Leo!“, sagte sie mit einem Seufzen in der Stimme zu Horatio. Dieser hob nun freudestrahlend wieder den Kopf. Er rückte sich mit der einen Pfote die Baseballmütze zurecht und mit der anderen versuchte er, sich möglichst unauffällig eine Träne aus den Augen zu wischen. Horatio fuhr nun eine seiner Krallen aus und tippte den Heuballen kurz damit an. Der Heuballen fing nun an, eine Handbreit über dem Boden zu schweben. Horatio sprang mit einem Satz auf den Heuballen und deutete Mira mit einem Nicken an, es ihm nach zu tun. Der Heuballen schwebte nun, immer schneller werdend, an den Tieren vorbei auf den Ausgang des Zeltes zu.

Als sie das Zelt verließen, hörte Mira deutlich Detlefs Schimpfen hinter sich: „Wie oft haben wir diesem eitlem Kater schon gesagt, dass er nicht mit unserem Futter herumzaubern soll?!“ Das letzte was Mira aus dem Zelt hörte war die Antwort von Schorsch, der mit tiefer Stimme konterte: “Und wie oft haben wir dir schon gesagt, dass man nicht mit vollem Maul reden soll?“ Mira und Horatio schwebten nun auf ihrem Heuballen über den Circusplatz, vorbei an Wohnwagen, Imbissbuden und dem großen Circuszelt. Vor einem Circuswagen mit einem Käfig aus dicken Gitterstäben kam der Heuballen zum Stehen. Horatio tippte den Heuballen erneut an, worauf dieser in die Höhe stieg bis er auf gleicher Höhe mit dem Käfig war. Mira stockte der Atem. Was da im Käfig lag war eine großer, ausgewachsener, schlafender Löwe. Als Mira sich ein wenig an den Anblick gewöhnt hatte, fiel ihr auf, dass dieser Löwe offensichtlich sehr, sehr alt war. Sein Fell wirkte gar nicht königlich, denn Teile seines Fells waren ausgefallen. Als der Löwe die Beiden bemerkte und die Augen öffnete, sah Mira, dass diese nicht mehr glänzten sondern matt waren. Der Löwe erhob sich nun schwerfällig und bewegte sich auf die Gitterstäbe zu. Dabei zog er eine seiner Vorderpfoten hinter sich her. Offensichtlich schmerzte ihn irgendetwas an der Pfote. „Guten Abend Horatio, alter Freund. Wen hast Du mir da mitgebracht? Willst Du uns nicht vorstellen?“ „Oh ja, wie unhöflich von mir! Mira, darf ich Dir vorstellen: Das ist Leo, unser alter Circuslöwe. Er ist so alt wie der Circus Sonderlich selbst. Leo: Das ist Mira, ein kleines tapferes Mädchen, die ich hierher brachte um dir zu helfen.“ Während Leo sprach, konnte Mira deutlich sehen, dass Leo gar keine Zähne mehr im Maul hatte. Sie waren ihm mit den Jahren ausgefallen. Das sah irgendwie komisch aus, aber Mira war gut genug erzogen, um nicht zu kichern.
Leo mochte ein Löwe sein, aber Angst machte er Mira so nicht. „Was ist mit deiner Pfote?“, fragte sie. „Bist Du verletzt?“ Horatio ergriff nun eifrig das Wort: „Deswegen habe ich dich hierher geholt, liebe Mira. Leo ist in einen Dorn getreten, der in dem Stroh war, mit dem sein Käfig ausgelegt wird. Aber niemand von uns kann ihn herausziehen. Die Menschen dieses Circus kümmern sich nicht gut um Leo, denn er ist alt und kann nicht mehr in der Manege auftreten. Er bekommt nur jeden Tag frisches Stroh und eine Schüssel Haferschleimsuppe. Wie gesagt: Keiner von uns kann den Dorn aus Leos Pfote ziehen.“ „Nun, werter Horatio, das trifft wohl nicht ganz zu, oder?“, widersprach Leo. „Um genau zu sein könnte Horatio mit seinen kleinen Krallen den Dorn sehr wohl aus meiner Pfote ziehen.“ Horatio senkte erneut den Kopf: „Stimmt, aber ich trau mich nicht zu Leo in den Käfig.
Obwohl ich weiß, dass er harmlos ist und zu meiner Familie gehört, denn auch er ist streng genommen eine Katze, habe ich immer noch Angst, dass er mich frisst. Ich bin eben nur ein kleiner Kater.“ „Ist das nicht albern?“, fragte Mira. „Du kannst doch zaubern!“ „Nun, ich kann Menschen und Dinge von einem Ort zum Anderen bewegen, ich kann allerlei Schabernack herbeizaubern, aber ein wirklich guter Zauberer bin ich wohl kaum.“, seufzte Horatio. „Und Mut habe ich am wenigsten.“ Leo fand nun, dass es an der Zeit war Horatio zu verteidigen: „Mira, stell dir vor, du müsstest einem Riesen die Zehennägel schneiden! Wäre das nicht grausig?“ „Bäh, vor allem ekelig wäre das!“, dachte Mira, sah aber ein, dass Leo Recht hatte. Wenn jemand Angst hatte, egal ob Kater oder Mensch, war das ganz und gar nicht albern! Mira fasste sich ein Herz und stieg zwischen den großen Gitterstäben hindurch in Leos Käfig.
Sie bat Leo sich auf die Seite zu legen, damit sie sich seine Pfote anschauen konnte. Im Nu hatte sie den Dorn in seiner Pfote gefunden. Jetzt wurde ihr für einen Moment doch ein wenig mulmig: „Was ist, wenn ich dir beim Rausziehen des Dorns weh tue, Leo?“ „Ich werde einfach an etwas Schönes denken, an meine Heimat Afrika zum Beispiel, dann wird es sicher gar nicht weh tun.“, beruhigte Leo. Horatio stand derweil draußen und verfolgte mit großen Augen was geschah. Mira entschloss sich, ganz schnell an dem Dorn zu ziehen. So hatte sie es schon einmal bei sich selbst gemacht, als sie einen Holzsplitter im Finger stecken hatte. Sie atmete tief ein und ZACK hatte sie den Dorn aus Leos Pfote herausgezogen. Leo sagte dabei keinen Mucks, er kniff nur kurz die Augen zusammen um dann sofort erleichtert zu lächeln. Mira hielt den Dorn zwischen ihren Fingern und zeigte ihn Leo.
„Da ist er ja, der kleine Übeltäter. Danke Mira, das war höchste Zeit! Ich hätte es nicht mehr lange ausgehalten!“ Leo kam Mira mit seinem Kopf sachte näher und versuchte so etwas wie einen Kuss. Aber seine Schnurrbarthaare kitzelten Mira, was dazu führte, dass beide nun furchtbar lachen mussten. Horatio vollführte währenddessen einen übermütigen Freudentanz auf dem Heuballen – und plumps – fiel Horatio herunter, worauf alle Drei sich vor Lachen die Bäuche hielten. „Lieben, lieben Dank Mira! Das war nicht nur sehr lieb, sondern auch sehr mutig von dir! Nun sollte dich Horatio aber wieder Heim bringen, bevor deine Mama entdeckt, dass du fort warst, oder?“ Mama! Mit einem Mal bekam Mira fürchterliches Heimweh. „Bringst du mich bitte zurück in mein Bett, Horatio?“ „Aber selbstverständlich!“, erwiderte Horatio grinsend, hob wieder die Pfote und blies diesmal blauen Rauch in Miras Gesicht.
Mira schloss die Augen und nach einem endlos scheinenden Moment ertastete sie etwas Weiches unter sich. Sie öffnete die Augen und fand sich in ihrem eigenen Bett wieder. Aber von Horation keine Spur. Er war nirgends zu sehen. Traurig legte sich Mira hin, zog die Decke bis an die Nasenspitze und bedauerte es nun, dass sie sich nicht von Horatio hatte verabschieden können und schlief dann schnell ein. Am nächsten Morgen fand sie keine rechte Gelegenheit, Mama von ihrem Abenteuer zu erzählen. Mama war ein wenig in Eile und brachte Mira mit Mamas altem Motorroller in den Kindergarten. Kurz vor dem Kindergarten mussten sie an einem Kreisverkehr anhalten. Mira war tief in Gedanken versunken als Mama sie anstupste: „Sieh mal, ein Circus kommt hierher. Da könnten wir hingehen.“ Mira schaute nach rechts und sah dort ein Plakat. Ein Plakat vom Circus Sonderlich!
Darauf waren allerlei Tiere und Artisten abgebildet. Und ganz rechts sah man den Zauberkater Horatio Eusebius Felidae! Mira lächelte, denn als Mama ihren Blick vom Plakat löste um weiter zu fahren, sah Mira ganz deutlich, wie Horatio ihr aus dem Plakat heraus zuzwinkerte. Dabei hörte sie ganz deutlich seine Stimme: „Wir sehen uns bestimmt wieder, liebe Mira!“

© Peter Druffel 2006

CODE IS POETRY!